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Liebe Besucherinnen und Besucher,

der Lesesaal ist wieder ohne Begrenzung der Anzahl der Anwesenden und ohne Nachweis eines Impfstatus geöffnet. Die Maskenpflicht entfällt ab 1. Febraur 2023. Die Hygieneregeln sind weiterhin zu beachten. 

 

Am Montag, 20. Febraur 2023, ist das Stadtarchiv geschlossen. Auch der Lesesaal ist nicht besetzt.

 

 

 

 

 

 

Feierliche Unterzeichnung der Beitrittsurkunde der Stadt Detmold zum Deutschen Riga-Komitee

Di, 31. Januar, 17 Uhr, Rathaus Detmold

Feierliche Unterzeichnung der Beitrittsurkunde der Stadt Detmold zum Deutschen Riga-Komitee

Es sprechen

  • Bürgermeister der Stadt Detmold Frank Hilker
  • Regierungspräsidentin Anna Katharina Bölling
  • Winfried Nachtwei MDB a.D., Mitinitiator des Riga-Komitees
  • und Dr. Bärbel Sunderbrink, Stadtarchivarin: Nachbarn von nebenan – verschollen in Riga.
  • Joanne Herzberg, Jüdische Vorsitzende,
  • und Kristina Panchyrz, Geschäftsführerin der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Lippe e.V.

Das vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge gegründete Städtebündnis hält das Erinnern und Gedenken an die nach Riga verschleppten und Ermordeten Menschen wach. Als die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Lippe e.V. 2020 dem Rat der Stadt Detmold den Beitritt zum Deutschen Riga-Komitee vorschlug, waren die Ratsmitglieder einstimmig der Ansicht, dass dies ein wichtiger Schritt ist, um die Arbeit des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Riga zu unterstützen. Durch ihren Beitritt möchte die Stadt Detmold dazu beitragen, für die NS-Opfer des Ghettos Riga einen würdigen Ort des Gedenkens zu schaffen und zu bewahren.

So, 29. Januar, 11.30 Uhr, Stadthalle, Kleiner Festsaal

Filmmatinee „Wir haben es doch erlebt. Das Ghetto von Riga“

Rund 22.000 Juden wurden aus dem Deutschen Reich nach Riga, im von deutschen Truppen besetzten Lettland, verschleppt, unter ihnen auch Detmolder. Der Filmemacher Jürgen Hobrecht hat die Spuren der mit dem Namen „Riga“ verbundenen Verbrechen und Schicksale dokumentiert.

Eine Veranstaltung des Stadtarchivs Detmold in Kooperation mit dem LWL-Medienzentrum.

26. Januar – 24. März 2023, Rathaus Detmold

Ausstellung des Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und Stadtarchiv Detmold

Riga: Deportation – Tatorte – Erinnerungskultur

 

 

Die Landtagswahl vom 15. Januar 1933

Foto: Gudrun Mitschke-Buchholz

Warum ist ein Datum aus der Landesgeschichte noch nach 90 Jahren von Bedeutung? Diese Frage wurde bei einer Kooperationsveranstaltung des Christian-Dietrich-Grabbe-Gymnasiums, des Stadtarchivs Detmold und der Landeszentrale für Politische Bildung am Donnerstag, 19. Januar, ausführlich behandelt.

Am 15. Januar 1933 fand in Lippe die von den Nationalsozialisten als „Durchbruchschlacht“ hochstilisierte Landtagswahl statt. 250 Schülerinnen und Schüler, dazu Interessierte aus der Stadtgesellschaft, waren gekommen, um der Szenischen Lesung zu folgen, die vom Geschichts-Zusatzkurs unter Anleitung von Kristina Panchyrz vorbereitet worden war.

Dafür hatten sie sich durch zahlreiche Originalquellen gearbeitet, die nun in verteilten Rollen eindrücklich vorgetragen wurden. Die Lesung und die anschließende historische Einordnung des ehemaligen Leiters des Stadtarchivs, Dr. Andreas Ruppert, machten deutlich, dass die Lippewahl von den Nationalsozialisten als politisches Mittel genutzt wurde, um Hitlers Ernennung zum Reichskanzler in die Wege zu leiten.

Dr. Guido Hitze, Leiter der Landeszentrale für politische Bildung, bekräftigte das und stellte heraus, dass nicht das Ergebnis der Wahl das ausschlaggebende war, sondern dessen Deutung. Seine differenzierte Einordnung der Presselandschaft machte die Schwierigkeit der Informationsbeschaffung deutlich. Dr. Bärbel Sunderbrink moderierte eine Diskussionsrunde, in der sich die Schülerinnen und Schüler differenziert mit den Wahlen auseinandersetzten und dabei den Bezug zur Gegenwart herausarbeiten.

 

 

 

„Das ganze Reich schaut auf das Land Lippe: die Lippewahl vom 15. Januar 1933“

19. Januar 2023, 8:30 bis 11 Uhr, Neue Aula des Grabbe-Gymnasiums

Am kommenden Sonntag ist es 90 Jahre her, dass in Lippe im Jahre 1933 der Landtag nach einem denkwürdigen Wahlkampf gewählt wurde. Aufgrund einer tiefen Krise der NSDAP erlangt diese Wahl unerwartete politische Bedeutung. Nahezu der gesamte Parteiapparat wird mobilisiert und zahlreiche Massenveranstaltungen mit der Parteiprominenz finden in Lippe in den ersten zwei Wochen im Januar 1933 statt.

In den Quellen finden wir besonders in den Zeitungen die unterschiedlichsten Darstellungen und Sichtweisen auf diesen Wahlkampf: In den NSDAP-nahen Blättern wird schwärmerisch von erfolgreichen Massenveranstaltungen geschrieben und Orte wie das Hermannsdenkmal und die Externsteine mythisch überhöht. Demgegenüber steht z.B. der Journalist und Sozialdemokrat Felix Fechenbach, der in bissigen, satirischen Texten u.a. als „Nazi-Jüsken“ offen scharfe Kritik an der NSDAP und dem propagandistisch aufgebauschten Wahlkampf übt. Diesen Jahrestag möchten wir als Anlass nehmen, einen genaueren, kritischen Blick auf die Ereignisse in Lippe vor 90 Jahren zu werfen und laden Sie herzlich zur Teilnahme ein.

In Kooperation mit der Landeszentrale für Politische Bildung und dem Stadtarchiv Detmold haben Schüler:innen des Grabbe-Gymnasiums ein Programm vorbereitet, um über den Wahlkampf 1933 zu informieren und darüber in den Austausch zu kommen. Die Lehrerin Kristina Panchyrz, Organisatorin der Veranstaltung, freut sich, Dr. Guido Hitze, den Leiter der Landeszentrale für politische Bildung NRW, den Historiker Dr. Andreas Ruppert und die Stadtarchivarin Dr. Bärbel Sunderbrink an der Schule begrüßen zu dürfen.

 

 

Folgender Ablauf ist geplant:

1. Begrüßung

2. „Jagt den Nazi-Spuk zum Teufel!“ - Der Wahlkampf zur lippischen Landtagswahl im Januar 1933. Eine Szenische Lesung

3. Vortrag von Dr. Andreas Ruppert

4. Podiumsgespräch zwischen Schüler:innen des Grabbe-Gymnasiums, Dr. Andreas Ruppert und Dr. Guido Hitze; Moderation: Dr. Bärbel Sunderbrink

 

Für die Podiumsdiskussion haben sich die Schüler:innen des Grabbe-Gymnasiums im Vorfeld mit unterschiedlichen Aspekten zur Landtagswahl beschäftigt: Der historische Hintergrund zur Landtagswahl in Lippe, ein kritischer Blick auf die erinnerungskulturelle Bedeutung (Inwiefern ist die Erinnerung an dieses Ereignis und die Akteure des Wahlkampfes (auf beiden Seiten) noch heute von Bedeutung (besonders aus der Sicht eines Lippers) und warum gibt es in diesem Jahr nur wenige Veranstaltungen auch zu weiteren Ereignissen aus dem Jahr 1933?), die Methode der Präsentation von historischen Originalquellen durch eine Szenischen Lesung (Distanzierung von den Texten durch Ablesen und teils stockendem Vorlesen) und aktueller Bezüge: Gibt es Parallelen zu heutigen Methoden im Wahlkampf? Inwiefern werden auch heute Orte und Ereignisse - auch in Lippe, z.B. das Hermannsdenkmal - insbesondere für rechte Propaganda instrumentalisiert?

 

Ort der Demokratiegeschichte

Festansprache Dr. Bärbel Sunderbrink anlässlich der Anbringung der Gedenktafel „Ort der Demokratiegeschichte“ am ehemaligen lippischen Landtag am 15.1.2023

Doch was nun – lieber Herr Landtagspräsiden Kuper, liebe Frau Landgerichtspräsidentin Nagel, meine Damen und Herren,

was, zeichnet gerade dieses Haus als Ort der Demokratiegeschichte aus?

Als das Landtagsgebäude 1914 im Beisein von Fürst Leopold und Fürstin Bertha eingeweiht wurde, war die monarchische Staatsform bereits ins Wanken geraten. Ein Fürst, der seinen Herrschaftsanspruch „von Gottes Gnaden“ ableitete, und ein nach dem Dreiklassenwahlrecht zusammengesetztes Landesparlament passten nicht mehr in eine Zeit, die von Industrialisierung und Massenkultur geprägt war. Doch die starken Beharrungskräfte der alten Eliten und der Ausbruch des Ersten Weltkriegs ließen alle Reformforderungen verstummen.

Erst als mit der sich zuspitzenden Kriegslage Kaiser Wilhelm um seine Legitimität bangte und mit seiner „Osterbotschaft“ von 1917 Veränderungen im Wahlrecht ankündigte, wurde auch in Lippe der politische Druck wieder größer. Im Oktober 1918 schließlich stellte Fürst Leopold in einem Aufruf „An mein Volk“ ein allgemeines, wenn auch nicht gleiches Männerwahlrecht in Aussicht.

Zu spät. Die Monarchie hatte ihre Legitimation da bereits verloren: In Berlin wurde am 9. November 1918 die Republik ausgerufen, und als die Revolution Detmold erreichte, verzichtete auch das lippische Fürstenhaus auf seinen Herrschaftsanspruch. Der Volks- und Soldatenrat, also die revolutionäre Übergangsregierung, löste den ständischen Landtag wenig später auf.

Anfang 1919 dann der große Tag der Demokratie, die erste Wahl für den neuen Landtag am Sonntag, 26. Januar. Erstmals waren alle - Frauen und Männer über 20 Jahren – zur Stimmabgabe aufgerufen. Die lippischen Volksvertreter wurden nun nach allgemeinem, gleichem, geheimem und unmittelbarem Wahlrecht gewählt. Eine lippische Besonderheit: Es gab zunächst eine Wahlpflicht.

21 Abgeordnete bildeten die neue Volksvertretung. Die Revolutionsparteien SPD und die linksliberale Deutschen Demokratischen Partei (DDP) erlangten mit zusammen 15 Sitzen eine deutliche Mehrheit im Parlament, und mit der Wäschenäherin Auguste Bracht aus Oerlinghausen war vom ersten Tag an eine Frau dabei.

Dabei hatte es in diesem Punkt Diskussionen um das Wahlrecht gegeben: Bis in das liberale Lager hinein wurde in Lippe die Forderung nach einer Karenzzeit laut. Da man sich um die politische Mündigkeit der Frauen sorgte, sollte das passive Wahlrecht für die kommenden zwei Wahlperioden ausgesetzt werden. Nach zehn Jahren – so das Argument – hätten sich die Frauen eingearbeitet und könnten sich als Kandidatinnen aufstellen lassen. Das Reichsrecht schob solchen Überlegungen einen Riegel vor; die Wahllisten der Parteien sorgten aber weiterhin dafür, dass Frauen kaum Chancen auf ein Mandat hatten. Nur insgesamt fünf Frauen gehörten den Lippischen Landtagen an.

Eine der ersten Entscheidungen des Landtags betraf die Landesverfassung, mit der die parlamentarische Republik als Staatsform festgeschrieben wurde.

Der Landtag wählte als oberstes Staatsorgan ein Kollegium aus drei Personen, das Landespräsidium. Dieses Gremium stellte unter den Verfassungen aller Länder ein Unikum dar. Es band unterschiedliche politische Kräfte zusammen und wirkte damit über die gesamte Weimarer Zeit als stabilisierender Faktor. Eine Schlüsselrolle innerhalb des Landespräsidiums hatte der als Pragmatiker bekannte Sozialdemokrat Heinrich Drake inne.

Die Probleme, die in diesem Plenarsaal zu verhandeln waren, waren komplex. Soziale Reformmaßnahmen hatten angesichts der strukturellen Probleme großes Gewicht in der Landespolitik. Der Arbeitsmarkt für die lippischen Wanderziegler war nach dem Ersten Weltkrieg zusammengebrochen, außerhalb der Holzwirtschaft gab es kaum Industrie. Für die zurückgekehrten Soldaten wurden Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen auf den Weg gebracht. Flächen des ehemaligen Domaniums wurden mit staatlicher Hilfe kultiviert, und in beträchtlichem Rahmen Wohnungsbaumaßnahmen angestoßen. Ein weiteres wichtiges Handlungsfeld war der Ausbau des Schulwesens. 1919 wurde hier im Saal das erste Fortbildungs-Schulgesetz Deutschlands verabschiedet, denn Bildung stellte für die junge Demokratie einen besonderen Wert dar.

Die permanente Finanzknappheit des Landes hatte auf das wichtigste Recht des Landtags, das Budgetrecht, großen Einfluss. Über die gesamte Weimarer Zeit hinweg stand die Frage im Raum, ob Lippe als selbständiger Staat überhaupt überlebensfähig war. Überlegungen zu einer umfassenden Reichsreform hatte es schon seit 1919 gegeben. Zwei Lösungen wurden vor allem diskutiert: die Angliederung des Freistaats an Preußen und die Bildung eines neuen Mittelstaates im Weserraum. Da die Reichsreformdebatte aber nicht vorankam, konnte der lippische Kleinstaat trotz aller Sparpolitik seinen Landeshaushalt nur durch Ergänzungszahlungen vom Reich sichern.

Doch – meine Damen und Herren – nicht nur Sachpolitik, auch die Symbolkultur sollte dazu beitragen, die Weimarer Demokratie in der Bevölkerung zu verankern. In diesem Plenarsaal fanden anfangs die zentralen Landesfeiern zum Verfassungstag am 11. August statt. Ein Feiertag für die Republik, der an die Unterzeichnung der Weimarer Verfassung im Jahr 1919 erinnern sollte!

Die Landtagsabgeordneten nahmen daran teil, ebenso Abordnungen von Parteien und Verbänden. Das Detmolder Reichswehrbataillon stellte eine Ehrenkompanie, die Militärkapelle spielte auf. Nur in Berlin wurde der höchste Feiertag der Republik mit ähnlichem Aufwand begangen.

Erst in den allerletzten Jahren der Weimarer Republik erodierte der Rückhalt für die lippische Demokratie. Hatte die SPD bei den Landtagswahlen stets die meisten Wähler erreicht und seit 1921 je 8 bzw. 9 der 21 Landtagsmandate besetzt, nahm die Zustimmung zu der republiktreuen DDP immer weiter ab. Seit der Wahl von 1929 erstarkten die republikfeindlichen Kräfte erschreckend schnell, und seit 1931 stellte die NSDAP durch einen Überläufer aus der Landvolkpartei erstmals einen Landtagsabgeordneten. Die rechtsnationale DNVP und rechte Splitterparteien ließen nun keine Gelegenheit mehr aus, die Parlamentsarbeit zu sabotieren und durch Volksbegehren die Legitimation der Volksvertretung zu untergraben. Doch während in Berlin jeder der gewählten Reichstage vorzeitig aufgelöst wurde, war das bei den vier lippischen Landtagen zwischen 1919 und 1933 nie der Fall.

Als dann an der Wende zum Jahr 1933 das Land Lippe ins Visier der NSDAP geriet, die ihre Verluste auf Reichsebene kompensieren wollte, schaute unerwartet ganz Deutschland auf den Kleinstaat. Der Landtagswahlkampf vor nunmehr 90 Jahren sucht seines Gleichen: Die NS-Prominenz zog über die lippischen Dörfer, Hitler selbst trat als Redner bei 16 der unzähligen Wahlveranstaltungen auf.

Der Wahlsieg der NSDAP war zu erwarten. Sie errang 39,5 % der Stimmen. Zwar war das Ergebnis von der absoluten Mehrheit weit entfernt, machte die NSDAP aber mit 9 Abgeordneten gleich zur stärksten Fraktion. Doch hätte es keine Unterstützung durch die bürgerlichen Parteien gegeben, hätte die NSDAP keine Mehrheit für ihr Landespräsidium zusammenbringen können.

Propagandistisch wurde die Lippewahl vom 15. Januar 1933 als „Durchbruchschlacht zur nationalen Revolution“ aufgeladen. Das Votum der Wählerinnen und Wähler in Lippe wurde als Beweis für das Wiedererstarken der Partei gedeutet und die Kanzlerschaft Hitlers nun vehement eingefordert – mit Erfolg. Reichspräsident Hindenburg ernannte zwei Wochen nach der Lippe-Wahl Adolf Hitler zum Reichskanzler.

Dass es gerade die Landtagswahl in Lippe war, in der die NSDAP ihre ungebrochene Schlagkraft unter Beweis stellen wollte, war ein historischer Zufall. Später wurde daraus ein Mythos; doch es gab kein „Hermannsland“, dass befreit werden musste, wie die Wahlplakate der NSDAP es forderten. Die Lipperinnen und Lipper haben Hitler nicht – wie es der Mythos glauben machen wollte – an die Macht gebracht und sie waren auch nicht die Vorreiter des sogenannten Dritten Reichs. Dennoch hatte diese Landtagswahl am 15. Januar eine hohe symbolische Bedeutung über Lippe hinaus für das Ende der Weimarer Demokratie.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Reich am 30. Januar 1933 begann die Phase der sogenannten Gleichschaltung. Zwar trat der lippische Landtag weiter zusammen, aber nach der Reichstagswahl vom 5. März wurde er neu zusammengesetzt. Nun verfügte die NSDAP zusammen mit der DNPV über eine 2/3 Mehrheit im Landtag. Die KPD war nach dem Reichstagsbrand in die Illegalität gezwungen worden und auch die letzten fünf SPD-Abgeordneten nahmen aufgrund der massiven Bedrohungen und Inhaftierungen nicht mehr an den Landtagssitzungen teil.

Auf dem Gebäude wehte längst die Hakenkreuzfahne, als die verbliebenen Landtagsmitglieder am 21. Juni 1933 dem Ermächtigungsgesetz zustimmten und damit der Landesregierung ihr Gesetzgebungsrecht übertrugen. Danach wurde der Landtag nicht mehr einberufen.

Anders als etwa in Schaumburg-Lippe trat der Landtag in Detmold gut ein Jahr nach dem Ende der NS-Diktatur am 9. Mai 1946 wieder zusammen. Die 31 Mitglieder waren nicht gewählt, sondern von der britischen Militärregierung ernannt. Dieser Landtag hatte noch einmal Bedeutung, als die britische Militärregierung im Sommer 1946 die Angliederung an Niedersachsen verlautbarte. Der Landtag protestierte und hatte damit Erfolg. Über die anschließend von Landespräsident Heinrich Drake und NRW-Ministerpräsident Rudolf Amelunxen ausgehandelten „Lippischen Punktationen“ stimmte er allerdings nicht ab.

Die letzte feierliche Sitzung hier im Lippischen Landtag fand am 21. Januar 1947 statt. Mit der Verordnung Nr. 77 der britischen Militärregierung verlor das Land Lippe seine Selbständigkeit und wurde dritter Teil des Landes Nordrhein-Westfalen. Damit war auch das einzige demokratische Landesparlament, das vor 1946 auf dem Territorium des heutigen Landes NRW existiert hatte, Geschichte.

Die Interessen der lippischen Bevölkerung werden seither im NRW-Landtag in Düsseldorf vertreten. Warum also noch an den lippischen Landtag als Ort der Demokratiegeschichte erinnern?

Unsere Demokratie hat starke Wurzeln in der Zeit der Weimarer Republik. Dieser Landtag ist also ein Ort, an dem an das Ringen um die besten politischen Lösungen in der ersten deutschen Demokratie erinnert werden kann; an Debattenkultur und erstmals auch die Teilhabe von Frauen daran. Hier kann beobachtet werden, wie die demokratischen Kräfte versuchten, eine Identifikation mit der Republik zu verfestigen. Hier aber ist auch der Ort, an dem das Scheitern der ersten deutschen Demokratie sichtbar wird – der Stabilitätsverlust in einer wirtschaftlich angespannten Zeit und das Einreißen der Brandmauer des bürgerlichen Milieus gegenüber den extremen Rechten; die Wirkung neuer Propaganda-Mittel und die Landtagswahl vor genau 90 Jahren, die der Machtübernahme der Nationalsozialisten einen legalen Anstrich verlieh.

Dieser Ort – meine Damen und Herren – ist ein authentischer Ort der Demokratiegeschichte. Er zeigt, dass ein demokratischer Verfassungsstaat keine Selbstverständlichkeit ist.

 

Dr. Markus Lang, Projektleiter "Orte der Demokratiegeschichte" von der Gesellschaft zur Erforschung der Demokratie-Geschichte e.V. hat dazu einen Beitrag verfasst: Landtag Lippe als Ort der Demokratiegeschichte markiert

 

 

 

  

27. Januar - Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus

27.01.2023, Freitag, 17 Uhr
Zentrale Gedenkveranstaltung
Gymnasium Leopoldinum, Neue Aula
„ERINNERN UND GEDENKEN“
– an die Opfer des Nationalsozialismus

Zum Programm: Flyer

 

 

Bestände digitalisiert

https://www.bundesregierung.de/breg-de/bundesregierung/staatsministerin-fuer-kultur-und-medien

Durch die "Zielgerichtete Digitalisierungsförderung" konnte das Stadtarchiv Detmold zahlreiche Foto-Bestände digitalisieren.

Die Digitalisierung wurde durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms "Neustart Kultur" ermöglicht.

Aus unserem Bildarchiv konnten viele neue Digitalisate in die Deutschen Digitalen Bibliothek eingespielt werden. 

Dort ist es jetzt möglich, einen virtuellen Spaziergang durch das "Detmold von Damals" zu genießen. Wie sah die Lange Straße 1960 aus? Oder die Krumme Straße im Jahr 1920? Welche Gebäude standen dort?  Fast 3.000 historische Bilder finden sich unter dem Suchbegriff "Stadtarchiv Detmold". 

Digitalisiert wurden das Bildarchiv des Stadtarchivs sowie die Fotosammlung der Stadtverwaltung.

 

 

Erinnern und Gedenken - 9. November 1938

Die Stadt Detmold erinnert am 9. November 2022 an die Ereignisse der Reichspogromnacht. Im Jahr 1938 wurde auch in Detmold die Synagoge in Brand gesteckt, es wurden jüdische Geschäfte geplündert und jüdische Bürger gedemütigt.

Überall in Deutschland brannten in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 die Synagogen, jüdische Geschäfte und Wohnungen wurden ausgeplündert, jüdische Friedhöfe verwüstet. Jüdische Menschen wurden misshandelt und in Konzentrationslager verschleppt, 400 Menschen überlebten die von der NS-Führung zentral organisierte Gewaltaktion nicht.

Mit Gedenkfeierlichkeiten erinnert die Stadt Detmold am Mittwoch, 9. November, an die Reichspogromnacht von 1938. Auch in Detmold brannte in dieser Nacht die Synagoge, Geschäfte wurden geplündert, jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger wurden misshandelt und ihre Existenzen zerstört.

Seit 1988 ist es Tradition, mit einer Feier an die Detmolder NS-Opfer zu erinnern. Die Stadt Detmold hat gemeinsam mit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Lippe und der Katholischen und Evangelischen Jugend die Gedenkfeiern vorbereitet.

Die Gedenkfeier am Mittwoch, 9. November, um 17.30 Uhr findet am Ort der 1938 zerstörten Neuen Synagoge an der Lortzingstraße statt.

Es sprechen Bürgermeister Frank Hilker, Professor Matijahu Kellig (Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Herford-Detmold) und Dietmar Arends (Landessuperintendent der Lippischen Landeskirche) und Pfarrer Dr. Dr. Markus Jacobs (Pastoralverbund Lippe-Detmold).

Während der Veranstaltung wird der jüdischen Opfer aus Detmold gedacht. Dazu haben Jugendliche der DöJu Ev. Kirche in Dörentrup Beiträge vorbereitet, und es wird ein Kranz niedergelegt.

Im Anschluss findet an der Gedenkstätte Alte Synagoge an der Exterstraße ein Stilles Gedenken statt.

 

Um 19.30 Uhr beginnt in der Martin-Luther-Kirche (Schülerstraße 14) ein Gedenkkonzert. Kirchenmusikdirektor Johannes Vetter spielt ein Konzertprogramm, wie es bis 1938 stattgefunden haben könnte. Er widmet das synagogale Orgelkonzert Siegfried Würzburger, Organist der Frankfurter Westend-Synagoge, deportiert 1941, umgekommen am 12. Februar 1942 im Ghetto Litzmannstadt. Das Konzert wird von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Lippe e.V. und dem Landesverband Lippe veranstaltet. Der Eintritt ist frei. 

 

Am Donnerstag, 10. November, ab 19 Uhr geht es im Kleinen Festsaal der Stadthalle um die „vergessene“ Hofsynagoge von 1633 in Detmold. Der Bauhistoriker Peter Barthold, Münster, berichtet, wie sich die LWL-Denkmalpflege diesem einmaligen Zeugnis jüdische Geschichte angenähert hat. Veranstalter ist die Jüdische Gemeinde Herford-Detmold in Kooperation mit dem Forum offenes Detmold.

Alle Veranstaltungen sind im Flyer notiert: Erinnern und Gedenken

Stadtrundgang zum 80. Jahrestag der Deportation nach Theresienstadt

mit Gudrun Mitschke-Buchholz

16. Oktober 2022, 11 Uhr, Treffpunkt Hermannstraße 29

Kooperationsveranstaltung des Stadtarchivs Detmold und der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Lippe e. V.

Dezember 1941, März 1942 und Juli 1942. Diese Daten markieren fundamentale Verluste und ebenso fundamentale Verbrechen. Im Dezember 1941 wurden Detmolder Jüdinnen und Juden nach Riga deportiert, im März des darauf folgenden Jahres wurden weitere Menschen auf den Transport nach Warschau, „in den Osten“ gezwungen und im Juli 1942 mussten vor allem Ältere ihr brüchig gewordenes Zuhause in Richtung Theresienstadt verlassen.
Im Mittelpunkt des Rundgangs stehen vor allem die Menschen, die die Deportationen traf, aber auch Institutionen, die für die Durchführung der Verschleppung in den Tod verantwortlich waren.

Dauer 1 ½ - 2 Stunden, 5 €, erm. 2 € pro Person

 

 

 

Der Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten „Mehr als ein Dach über dem Kopf. Wohnen hat Geschichte“ startet

Am 1. September hat der Geschichtswettbewerb 22/23 begonnen. In der Vergangenheit haben daran schon zahlreiche Detmolder Schülerinnen und Schüler erfolgreich teilgenommen. Dies Mal geht es um das „Wohnen“ – ein Thema das alle betrifft und das auch für die Stadtgeschichte eine ganz zentrale Bedeutung hat. Im Stadtarchiv sind zahlreiche Unterlagen zu ganz unterschiedlichen Schwerpunkten zu finden.

Interessierte SchülerInnen und MentorInnen können sich persönlich im Stadtarchiv, Willi-Hofmann-Str. 2, telefonisch und schriftlich beraten lassen. Das Landesarchiv NRW, Abt. OWL, bietet außerdem archivpädagogische Unterstützung an.

Kontakt: Dr. Bärbel Sunderbrink 05231/766-110, stadtarchiv@detmold.de

Mehr unter Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten • Körber-Stiftung (koerber-stiftung.de)

Eine religiöse Frauengemeinschaft im mittelalterlichen Europa. Paul Marschal aus Detmolds belgischer Partnerstadt erklärt die „Beginen“

Als Paul Marschal am Donnerstag, 8. September, in der Stadtbücherei seinen Vortrag einleitet, erntete er fröhliches Lachen: Der Hasselter ist vielen DetmolderInnen als Stadtführer ihrer Partnerstadt bekannt - und für seine launigen Vorträge über das hochprozentige belgische Nationalgetränk Genever. Diesmal könnte es ernst werden, ging es doch um eine religiöse Frauengemeinschaft, deren Ursprünge im Mittelalter liegen.

Die Beginengemeinschaften wuchsen gemeinsam mit den Städten seit dem 13. Jahrhundert und verbreiteten sich über das gesamte Europa aus. Die Frauen wählten einen dritten Weg zwischen Kloster und Welt, lebten ohne Armutsgelübde und versorgten sich durch eigene Tätigkeit oder Vermögen. Sie lebten in Beginenhäusern oder geschlossenen Höfen, in denen nur der Priester Zutritt hatte. In Nordfrankreich, Holland und vor allem in Flandern finden sich solche bis heute, 13 flämische Höfe genießen den Schutz als UNESO-Weltkulturerbe.

In brillantem Deutsch zeichnete Marschal ein sehr lebendiges Bild der religiosen Frauen: Ihre wichtigste Aufgabe war die Caritas, also die Pflege von Alten, Kranken und Sterbenden sowie das Gebet für das Seelenheil der Toten. Sie wohnten zwar abgeschieden von der Stadtgesellschaft, kamen mit ihr aber immer wieder in Kontakt. So nahmen sie eine wichtige wirtschaftliche Funktion in der Pariser Seidenproduktion ein. Es kam aber auch zu internen Konflikten, denn den Frauen war nichts Irdisches fremd. Flucht und Schwangerschaften sind in den Quellen belegt. In der Forschung wird das Beginenwesen heute anders als früher gedeutet; das Interesse richtet sich nicht mehr nur auf die religiöse Aufgabe der Frauen, sondert stellt deren großes Maß an Selbstbestimmung heraus. Das Beginenwesen erfuhr mit der Reformation eine erste große Veränderung und verlor seit der Französischen Revolution seine Bedeutung. Paul Marschal konnte aber noch selbst einige Beginen interviewen.

Dass Paul Marschal in Detmold einen regelrechten Fanclub besitzt, beweist der große Zuspruch der Veranstaltung, die von der Detmolder Stadtarchivarin Dr. Bärbel Sunderbrink organisiert und in Kooperation mit der Stadtbücherei, dem Team Europa der Stadt Detmold und dem Naturwissenschaftlichen und Historischen Verein ausgerichtet wurde. Knapp 50 Personen verfolgten gespannt dem Vortrag und beteiligten sich an der Diskussion. Wer mehr wissen wollte, konnte am Stand des Buchhauses am Markt die umfangreiche Monografie, die Paul Maschal verfasst hat, erwerben.

 

 

Gäste aus USA entdecken Quellen im Archiv

Auf den Spuren des Urgroßvaters besuchten Mark und Stacey Brandon das Stadtarchiv Detmold. Mark Brandons Urgroßeltern lebten in Detmold, Einwohnermeldedaten geben Auskunft über den Zuzug von Carl und Olga und ihrer Tochter Ilse. Der Tod Olga Vogels 1932 ist in den Standesamtsregistern festgehalten, die die Familie einsehen konnte. Olga Vogel ist das einzige Familienmitglied, das auf dem jüdischen Friedhof in Detmold beerdigt ist. Carl Vogel war seit 1908 Generaldirektor der Sinalco AG, dem einst wichtigsten Unternehmen der Stadt. Außerdem engagierte er sich in der jüdischen Gemeinde und war sogar einig Zeit deren Vorsteher. 1935 wurde Vogel zum Rücktritt von seinem Direktorenposten gedrängt, eine stille Form der Arisierung der Wirtschaft. Carl Vogel verließ die Stadt. Er folgte seiner Tochter und seinem Enkelsohn in die USA, wo er 1943 starb.

„Reisen Freitag ab nach Theresienstadt in Böhmen“

Frieda Kauders, Irma Buchholz, Eduard Kauders, Gerhart, Ilse und Bernhard Buchholz. (Stadtarchiv Detmold, DT V 19 Nr. 176)
Moritz Herzberg, ca. 1938 (Sammlung Joanne Herzberg, Detmold)
Die letzte Nachricht der Familie Herzberg vor ihrer Deportation (Sammlung Joanne Herzberg, Detmold)
Arthur Buchholz, o. J. (Stadtarchiv Detmold, DT V Nr. 175)
Emilie Frank, o. J. (Sammlung Joanne Herzberg, Detmold)
Ludwig Frenkel (Stadtarchiv Detmold, DT V 19 Nr. 176)

Zum 80. Jahrestag der Deportation von Detmolder Jüdinnen und Juden nach Theresienstadt am 31. Juli 1942

Gudrun Mitschke-Buchholz

 

Mit einem Schreiben der Bezirksstelle Westfalen der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland vom 19. Juli 1942 wurden die „Teilnehmer des Abwanderungstransports vom 31. Juli nach Theresienstadt“ über ihre „Umsiedlung“ informiert. Darin hieß es „Die Bedingungen sind sehr grosszügig gehalten und es dürfte bei rechtzeitiger und praktischer Auswahl möglich sein, für jede Familie das Notwendigste zur Errichtung eines bescheidenen Haushaltes mitzunehmen.“ Es folgte eine Aufstellung von Gegenständen (u. a. Federkissen, Essgeschirr, Sommer- und Winterkleidung, Nähmaschinen, Werkzeuge) samt Familienandenken und Fotos, die den Betroffenen erlaubt waren.
Dieser Deportationsbescheid bedeutete für fast alle Detmolder Jüdinnen und Juden das Ende. Nach Jahren der Ausgrenzung, der systematischen Verarmung, in die Isolation getrieben und in beständiger Angst lebend saßen auch die Mitglieder der Detmolder Gemeinde seit dem Ausreiseverbot vom Oktober 1941 in der Falle. Sie hatten miterlebt, dass ihre Angehörigen, Nachbarn, Freunde und Bekannte auf die Transporte „in den Osten“, nach Riga und nach Warschau gezwungen worden waren. Es war nur noch eine Frage der Zeit, wann die nächsten den gefürchteten Bescheid erhielten.
Aus der Öffentlichkeit und damit auch aus der Wahrnehmung waren die jüdischen Nachbarn weitestgehend verdrängt, während für den Großteil der Bevölkerung der bestehende und gewohnte Alltag auch weiterhin in vielen Bereichen funktionierte und „das Leben weiterging“. Unter dem Druck des Krieges hatte sich der moralische Horizont der Menschen nach ohnehin jahrelanger Propaganda jedoch nochmals verengt. Fast alle konzentrierten sich auf den engen Kreis der eigenen Angehörigen und auf die Organisation des Alltags. Wo waren die Nachbarn geblieben? Wann und wohin sind sie „gegangen“? Irgendwann, so sollte es später heißen, waren “die Juden weg“.
In die Vorbereitungen der Deportationen waren Eduard Kauders und Moritz Herzberg als Leiter des Detmolder Büros der Reichsvereinigung organisatorisch direkt miteinbezogen. Sie erhielten die Direktiven der Bielefelder Bezirksstelle , die von der Gestapo gezwungen wurde, an den Deportationen mitzuwirken.

 

Im Deutschen Reich und auch im Protektorat wurden die jeweiligen jüdischen Gemeindebüros vom Datum der bevorstehenden Deportationen aus ihrem Gebiet verständigt. Die örtliche Gestapostelle erhielt vom Bezirksbüro der Reichsvereinigung die Namenlisten und entschied dann, wer auf den Transport geschickt wurde. Die jeweilige jüdische Gemeinde hatte den Betroffenen ein Rundschreiben mit genauen Anweisungen über Zeitpunkt der Deportation, zum ordnungsgemäßen Verlassen der Wohnungen, zur Abgabe von Wertgegenständen und eine detaillierte Aufstellung des mitzunehmenden Gepäcks zuzustellen. Von diesem Zeitpunkt an war es den Menschen untersagt, ohne Genehmigung der Behörden ihre Wohnung – auch nur für einen kurzen Zeitraum – zu verlassen.
Eduard Kauders und Moritz Herzberg hatten die Transporte ihrer Freunde, Nachbarn und Gemeindemitglieder nach Riga und Warschau organisatorisch begleiten müssen. Als die Deportationen nach Theresienstadt begann, standen auch sie mit ihren Angehörigen auf der Liste. Moritz Herzberg und seine Familie schickten noch drei Tage vor ihrer Abreise über das Rote Kreuz die in der Überschrift zitierten dürren Nachrichten an ihren Sohn Fritz nach Afrika.

Ein Abschied in den 25 erlaubten Worten. „Wir schreiben sobald als möglich. Herzlichst wir Vier.“ Sie schrieben nicht mehr. Dies war ihr letztes Lebenszeichen.

Für die Deportation nach Theresienstadt mussten sich die Menschen am 28. Juli 1942 auf dem Detmolder Marktplatz einfinden, und damit an zentraler Stelle der Stadt, um zum Abtransport in Richtung Bielefeld auf Lastkraftwagen verladen zu werden. Einer Zeugenaussage aus dem Jahre 1947 zufolge, die sich vermutlich auf diese Deportation bezog, habe die der Verladung der Menschen beiwohnende Pfarrerswitwe Meta Ulmke geschrien: „Diesen Itzigs sollte man erst den Bauch aufschneiden und [sie] dann wegbringen!“ Am 31. Juli 1942 verließ der Transport den Bielefelder Güterbahnhof nach Theresienstadt.

 

Theresienstadt wurde in der NS-Propaganda als sogenanntes Alters- und Vorzugsghetto für Juden über 65 Jahre und für diejenigen mit Kriegsauszeichnungen auf zynische Weise verklärt und als angebliche „jüdische Mustersiedlung“ ausländischen Delegationen vorgeführt. Diesen Juden wurden sog. Heimeinkaufsverträge angeboten, in denen ihnen bis zu ihrem Lebensende angemessene Unterbringung, Verpflegung und ärztliche Versorgung zugesichert wurden. Die harte Realität des Ghettos traf insbesondere die hochbetagten Menschen. Viele von ihnen überstanden Hunger, Krankheiten und die Leiden des Lagerlebens nicht lange.
Vom Detmolder Transport waren auch die Bewohner und Bewohnerinnen des jüdischen Altersheims in der Gartenstraße 6 betroffen. Zu ihnen gehörte Rebekka Berger. Sie starb in Theresienstadt nach kurzer Zeit im Oktober 1942 im Alter von 84 Jahren. Johanna Levy überlebte 89-jährig dort nur zwei Wochen. Sophie Plaut und Bertha Obermeier starben im Alter von 86 Jahren ebenfalls nach kurzer Zeit. Im Herbst 1942 waren etwa 50% der Inhaftierten über 65 Jahre alt. Als kurze Zeit später alte Menschen direkt in die Vernichtungslager deportiert wurden, sank dieser Prozentsatz. Insofern umfasste der Zeitraum, in dem man Theresienstadt als „Altersghetto“ bezeichnen konnte, nur ein halbes Jahr.
Arthur Buchholz, der bereits schwerkrank ins Ghetto getragen werden musste, wurde dort noch unter entsprechenden Bedingungen operiert.

Er überlebte den Eingriff um zwei Wochen. Emilie Frank, die Schwiegermutter von Moritz Herzberg, wurde in ihrem 92. Jahr in Theresienstadt um ihr Leben gebracht.

Einige erhalten gebliebene „Todesfallerklärungen“ des dortigen Ältestenrates geben eine unsichere Auskunft über die Todesursachen.
Nachrichten über Massendeportationen und erste Nachrichten über Vernichtungen riefen die Aufmerksamkeit der internationalen Öffentlichkeit hervor, die durch propagandistische Täuschungen  wie den Propagandafilm „Theresienstadt. Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet“ oder durch eine großangelegte „Stadtverschönerungsaktion“ im Jahr 1943 beruhigt werden sollte. Vor allem kranke Häftlinge oder diejenigen, die wegen ihres Aussehens nicht dafür taugten, einer ausländischen Delegation vorgeführt zu werden, wurden nach Auschwitz deportiert. Im Rahmen der „Verschönerung“ Theresienstadts traf dies im Dezember des Jahres 5000 Menschen.
Theresienstadt galt wegen zahlreicher Musiker, Schauspieler, bildender Künstler, die dort leben mussten, auch als „Künstlerghetto“, wo Opern unter schwierigsten Bedingungen zur Aufführung gebracht wurden. Auch andere musikalische Beiträge – sicher auch ein Element der Selbstbehauptung –  mochten an eine Welt erinnern, die für die Ghettobewohner mehr als jenseits ihrer Lebensrealität  war. Raphael Schächter, ein tschechischer Dirigent, studierte mit Ghettobewohnern ohne Noten Verdis Requiem ein. Wenn Deportationen große Lücken rissen, wurden schnell andere Sänger gefunden. Als das Stück vor ihrer Deportation zum letzten Mal erklang, sangen sie die katholische Totenmesse für sich selbst. Kaum jemand der Beteiligten überlebte.
Zu Theresienstadt gehörte nicht nur die sog. Kleine Festung, in dem ein Gestapo-Gefängnis eingerichtet wurde. Berichte von Überlebenden zeugen von den Qualen der dort gefangenen Menschen. Theresienstadt  zählte zudem neun Außenlager, sog. Außenkommandos. Und Theresienstadt war ein Transitlager auf dem Weg in die Vernichtungslager. So wurde Rosa Levysohn, die noch eigens für Theresienstadt Möbel hatte anfertigen lassen, ebenso wie der 86-jährige Julius Beerens im September 1942 von dort in das Vernichtungslager Treblinka deportiert.
Ab dem 26. Oktober 1942 hatten die Transporte aus Theresienstadt „in den Osten“ nur noch als einziges Ziel: Auschwitz II - Birkenau. In dieses Vernichtungslager ging die Hälfte der 63 Transporte, die aus Theresienstadt abfuhren. So erhielt das vermeintliche Vorzeigeghetto den Beinamen „Wartehalle für Auschwitz“. Auguste und Bernhardine Michaelis-Jena hatten im Detmolder Altersheim noch für die jüdischen Menschen gesorgt. Im Mai 1944 wurden sie aus Theresienstadt nach Auschwitz deportiert. Auch Frieda und Eduard Kauders wurden in diesem Jahr in das Vernichtungslager verschleppt. Ludwig Frenkel, der kleine Bruder von Karla Raveh und Schüler der jüdischen Schule in Detmold, wurde im Oktober 1944 aus Theresienstadt nach Auschwitz deportiert. Er wurde zehn Jahre alt.

Seine Eltern, seine Geschwister starben ebenfalls dort. Nur Karla überlebte.
Dass seine Frau Johanna und seine Tochter Gerda ebenfalls noch nach Auschwitz deportiert wurden, erlebte Moritz Herzberg nicht mehr. Er war einige Monate zuvor den Leiden der Haft erlegen. Alle Genannten stehen stellvertretend für die Detmolder Opfer. Menschlichkeit, jene normative Qualität des Menschseins, hatte für sie schon lange nicht mehr gegolten. In ihrem Dasein hatte sich eine Ideologie des Hasses erfüllt.
Emma und Minna Ries aus der Sachsenstraße überlebten Theresienstadt und kehrten nach ihrer Befreiung zurück nach Detmold. Dort trafen sie auf erstaunte Gesichter. Nachbarn, die mit ihrer Rückkehr nicht gerechnet hatten. Gewartet hatte niemand auf sie.

 

Die Beginen - Eine religiöse Frauenbewegung im europäischen Vergleich

Vortrag von Paul Marchal
aus Detmolds Partnerstadt Hasselt/Belgien

Die Beginenbewegung entstand als religiöse Gemeinschaft von Frauen im Hochmittelalter. Beginenhöfe in Flandern und den Niederlanden sind häufig besuchte Reiseziele. Die Beginenbewegung hatte jedoch eine europäische Dimension. Paul Marchal geht der Frage nach, woher die Frauen kamen, die sich dieser Bewegung anschlossen, und wie unterschiedlich sich ihre Lebensumstände gestalteten. Wohltätigkeit, Arbeit und Glaube waren dabei die zentralen Leitlinien ihres Lebens.

Donnerstag, 8. September 2022, 19.30 Uhr
in der Stadtbibliothek Detmold, Leopoldstr. 5

 

 

 

Koloniale Spuren in Detmold - ein Stadtrundgang

Gemeinsam mit dem Naturwissenschaftlichen und Historischen Verein für das Land Lippe bietet das Stadtarchiv Detmold folgenden Stadtrundgang an:

Koloniale Spuren in Detmold - ein Stadtrundgang

Termin: 24. Juni 2022, 16:00 Uhr

Treffpunkt Kaiser-Wilhelm-Platz Ecke Paulinenstraße/Bismarckstraße

Leitung: Dr. Barbara Frey/Dr. Bärbel Sunderbrink

Die koloniale Vergangenheit Deutschlands ist ein historisches Thema, dessen Nachwirkungen erst in den letzten Jahren ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gedrungen ist. Stadtarchivarin Dr. Bärbel Sunderbrink und die Kulturwissenschaftlerin Dr. Barbara Frey stellen auf dem Rundgang Stationen vor, die Detmolds Geschichte mit dieser Vergangenheit verbinden. Der Rundgang führt entlang des Landestheaters und des Fürstlichen Residenzschlosses weiter zur Bruchstraße, wo sich bis in die 1950er Jahre einer der zahlreichen Kolonialwarenläden befand. In der Langen Straße wurde Tabak aus Kuba und Sumatra verarbeitet und in der Martin-Luther-Kirche erinnert eine Gedenktafel an einen Matrosen, der bei der Eroberung der ersten deutschen Kolonie sein Leben ließ. Weitere Stationen finden sich an der Hornschen Straße: Dort druckte die Firma Klingenberg exotische Werbebilder und die Lippische Landesbibliothek zeugt bis heute von dem ungeheuren Wohlstand, der im Kolonialhandel erworben werden konnte. Der Rundgang endet an der heutigen Lippischen Landesbibliothek.

Auskunft unter stadtarchiv@detmold.de

Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

 

 

 

Ausstellung „Jüdische Spuren in Detmold“

Seit Freitag, 8. April, ist die Ausstellung „Jüdische Spuren in Detmold“ an der Bruchmauer (Ecke Bruchmauerstraße/Freiligrathstraße) zu sehen. Die Idee zu der Bannerausstellung im öffentlichen Raum ist in der Israel-AG des Grabbe-Gymnasiums entstanden. Schülerinnen und Schüler haben die Ausstellung unter der Leitung von Elisabeth Hecka, Verena Scheffzik und Dr. Oliver Arnhold entwickelt. Unterstützung zur Recherche gab es vom Detmolder Stadtarchiv. Als Grundlage diente der Stadtrundgang „Auf jüdischen Spuren“ von Gudrun Mitschke-Buchholz. Die Schülerinnen und Schüler wollen einen Beitrag zur Detmolder Stadtgeschichte leisten und dazu die Hofsynagoge in der Bruchmauerstraße in die öffentliche Wahrnehmung rücken.

Grußwort der Stadtarchivarin Dr. Bärbel Sunderbrink:

Liebe Schülerinnen und Schüler der Israel-AG, lieber Dr. Oliver Arnhold, lieber Prof. Matti Kellig, lieber Herr Bürgermeister Hilker, liebe Freunde der Leons-Serviceclubs, meine Damen und Herren,

eine historische Ausstellung an der Bruchmauerstraße – das ist etwas sehr Besonderes. Eine Premiere für unsere kleine, feine Outdoor-Galerie. Und es freut mich, dass Sie – liebe Grabbe-SchülerInnen – diejenigen sind, die diese Idee hatten und mit so viel Tatkraft umgesetzt haben!

Das Thema macht nachdenklich: Hier in der Ausstellung werden Orte jüdischen Lebens dargestellt, die viele nicht kennen, nicht kennen können, denn ihre Geschichten sind zerstört, verschüttet, vergessen. Sie, liebe SchülerInnen, sind der Geschichte der rituellen Orte nachgegangen, vom ersten Bethaus hier ganz versteckt an der Stadtmauer, über die Hofsynagoge mit dem Vorbeterhaus, recht repräsentativ schon an der Exterstraße bis hin zur alles überragenden Synagoge an der Lorzingstraße, die in der Pogromnacht von SS- und SA-Leuten, Anhängern der NSDAP, in Asche gelegte wurde.

Sie haben weitere Orte besucht und beschrieben: Geschäfte, die hochwertige Waren verkauften, bis sie boykottiert und später arisiert wurden. Und sie haben die jüdische Schule in der Gartenstraße thematisiert. An diesen Orten sind sie Menschen begegnet, die ermordet wurden: Felix Fechenbach, der mutige sozialistische Journalist, hat gleich hier ganz nahe im Pressehaus gearbeitet, bevor er 1933 auf dem Weg ins KZ brutal umgebracht wurde. Sie haben sich auch mit den Kindern beschäftigt, die in Detmold zur jüdischen Schule gehen mussten, weil das öffentliche Schulsystem sie an ihren Heimaltorten nicht mehr duldete. Die Kinder mussten ihre letzten Lebensjahre vor ihrer Deportation fernab ihrer Familie leben. Diese Geschichten sind kein einfacher Schulstoff – diese Schicksale beiben im Kopf. Hier geht es um Schicksale, die man mitnimmt, vielleicht ein Leben lang.

Wir als Historikerinnen kennen diese Orte aus der Forschung, wissen was dort passiert ist. Um so spannender war es für uns zu erfahren, wie ie mit diesen Orten umgehen. Auf welche Weise setzen Sie sich mit diesen Spuren auseinander. Sie haben den Weg gewählt, andere über diese Ausstellung an Ihren Erkenntnissen teilhaben zu lassen. Und Sie haben dafür einen besonderen Ort, ein besonderes Stadtquartier gewählt.

Hier, an der ehemaligen Hofsynagoge wird besonders deutlich, wie eng die Symbiose zwischen jüdischem und christlichem Leben sein musste, um zu bestehen. Die Hofsynagoge von 1633 stand im Hinterhof des Hauses des christlichen Stadtmusikus. Das ist kein Zufall: Juden konnten ihre Gotteshäuser nicht zur Schau stellen. Nebenan in der Freiligrathstraße gibt es weitere Spuren: Dort sind bei Bauarbeiten die Reste einer Mikwe aufgetaucht und gesichert worden; die jüdischen Bewohner haben also ihr Umfeld aufwändig gestaltet, um dem jüdischen Ritus entsprechend leben zu können. Von einem, der dort mit seinen Eltern lebte, wissen wir: Der große Gelehrte Leopold Zunz, dem Begründer der Wissenschaft des Judentums. In vielen Häusern an der Krummen Straße lebten Juden – ein jüdisches Viertel – von dem kaum etwas bekannt ist.

Wie war das Leben einer religiösen Minderheit in einer christlichen Mehrheitsgesellschaft? An dieser Stelle könnte man in Zukunft weitere Frage stellen und beantworten: zum Zusammenleben nach der Vertreibung während des Dreißigjährigen Kriegs, zur Emanzipation der Juden, also die Gewährung von Rechten im 19. Jahrhundert. Wir wollen wissen, welche Chancen und gesellschaftliche Bereicherungen das Leben unterschiedlicher religiöser Herkünfte brachte. Und wir wollen immer wieder daran erinnern, dass jüdisches Leben im NS-Regime brutal zerstört wurde. Schließlich sollten wir auch danach fragen, wie nach dem Ende der Zeit des Nationalsozialismus mit dem jüdischen Erbe umgegangen wurde.

All diese Fragen haben nicht nur etwas mit der Vergangenheit zu tun, sie haben, wie man gerade an diesem Ort sieht, auch sehr viel mit der Gegenwart zu tun. Sie – liebe Schülerinnen - haben uns gezeigt, welche jüdischen Spuren Ihnen wichtig sind. Wir nehmen das auch als Auftrag: wir müssen uns um diese Spuren kümmern. Vielen Dank dafür!

 

 

 

Online beim 73. Westfälische Archivtag vertreten

 

Am 15. und 16. März 2022 fand der 73. Westfälische Archivtag als interaktive Online-Fachtagung mit mehr als 420 Teilnehmenden statt. Das Thema lautete: "Herausforderungen der Sicherung, Nutzung und Vermittlung von analogem und digitalem Archvigut".

Die Mitschnitte der Vorträge und Diskussionen zu den Themenblöcken „Notfallmanagement von Archiven“  sowie „Archive in der digitalen Welt“ stehen zur Verfügung.

Stadtarchivarin Dr. Bärbel Sunderbrink hielt einen Vortrag zum Thema: Nur ein aktiver Verbund hilft! Aufbau, Aktivitäten und Strategien des Detmolder Notfallverbundes.

 

Der Livestream vom Westfälischen Archivtag 2022: LWL Archivamt

22 Interessierte auf Spurensuche zur Detmolder Kolonialgeschichte

Trotz Aprilwetters: 22 Interessierte auf Spurensuche zur Detmolder Kolonialgeschichte.

Dr. Barbara Frey, Kulturwissenschaftlerin, und Dr. Bärbel Sunderbrink, Stadtarchivarin, zeigten Detmolder Orte, deren Bezüge zur außereuropäischen Welt nicht offensichtlich sind. Kolonialwarenläden in der Bruchstraße, die Tabakfabrik Brüggemeyer in der Langen Straße, ein Gedenkstein in der Martin-Luther-Kirche, das einstige „Haus Ebert“ an der Hornschen Straße: es gab vieles neu zu entdecken.

Wegen der großen Nachfrage wird der Rundgang wiederholt.  

 

 

Der WDR berichtet aus dem Stadtarchiv Detmold

In Detmold steht die älteste Hofsynagoge in Nordwest-Deutschland. Der WDR berichtet aus dem Stadtarchiv Detmold:

4. April 2022: Lokalzeit OWL, Streit um verfallenes Gebäude: Stadt Detmold will alte Hofsynagoge kaufen. 

WDR Lokalzeit OWL vom 4. April 2022 (ab Minute 20:04): WDR (zu sehen bis 11.04.22)

Von Detmold in das Warschauer Ghetto – Zum 80. Jahrestag der Deportation von Jüdinnen und Juden aus Detmold nach Warschau am 31. März 1942

Gudrun Mitschke-Buchholz

Eduard Kauders und Moritz Herzberg waren jüdische Kaufleute in Detmold und hatten sich als Vorstandsmitglieder für die Synagogengemeinde engagiert. Beide hatten den Novemberpogrom 1938 miterleben müssen und waren nach Buchenwald verschleppt worden, und sie hatten sich verzweifelt bemüht, mit ihren Familien dieses Land, das sie als ihr Zuhause nur missverstanden hatten, zu verlassen. Die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland hatte zunächst noch versucht, möglichst viele Juden bei ihren Emigrationen zu unterstützen. Das Auswanderungsverbot für Juden vom 23. Oktober 1941 hatte alle Hoffnungen auf Flucht zunichte gemacht. Ab September 1939 unterstand die Reichsvereinigung der Kontrolle des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) bzw. der Gestapo und sah sich gezwungen, deren Anordnungen umzusetzen. Kauders und Herzberg waren Leiter des Detmolder Büros der Reichsvereinigung ("Bezirksstelle Westfalen der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland. Büro Detmold für das Land Lippe") und mussten im Dezember 1941 in der grauenhaften Abhängigkeit zum RSHA die Deportation ihrer Nachbarn, Freunde und Bekannten nach Riga mitorganisieren.
 


Wenige Monate später fand die zweite Deportation lippischer Juden statt. Das Ziel dieses Transports war Warschau. Am 20. März 1942 hatte die Gestapo den Abtransport von eintausend Juden der Stapoleitstelle Hannover angeordnet, zu dem 325 Menschen aus dem Bezirk der Bielefelder Gestapo gehörten. Für diese „Abschiebung“ waren nur noch 25 kg Gepäck erlaubt, nach Riga war es noch doppelt so viel gewesen. Die Detmolder Jüdinnen und Juden wurden am 30. März 1942 in Begleitung eines Polizisten mit dem Zug nach Bielefeld gebracht und mussten ihre letzte Nacht vor dem Abtransport im Sammellager „Kyffhäuser“, einer ehemaligen Gaststätte, zubringen. Am Nachmittag des folgenden Tages, am  31. März 1942, wurden die Menschen vom Bielefelder Güterbahnhof und nun in Viehwaggons nach Warschau verschleppt. 


Paula Paradies wurde im März 1942 nach Warschau deportiert. Vor ihr steht Ellen Meyer aus Bad Driburg. Frau Paradies war deren "Pensionsmutter" während ihrer Schulzeit an der Detmolder jüdischen Schule. Ellen Meyer wurde im Sommer 1942 nach Theresienstadt deportiert. (Quelle: Stadtarchiv Detmold)
Grabstein auf dem jüdischen Friedhof in Detmold für Jeanette Schiff (Großmutter von Hedwig Block und vermutlich deren älteren Schwester) Ida Block und Hedwig Block. An Hedwig Block, die nach Warschau deportiert wurde, wird hier erinnert. (Foto: Gudrun Mitschke-Buchholz)


Im Detmolder Gedenkbuch (www.gedenkbuch-detmold.de) finden sich die Schicksale von mehr als dreißig Menschen, die auf diesen Transport in das völlig überfüllte Ghetto in Warschau gezwungen wurden und damit in eine Welt von Hunger, Elend, Gewalt und Terror. Zu ihnen gehörte Max Alexander, der als Lehrer in der jüdischen Schule gearbeitet hatte, und dessen Frau Elly. Seine Kollegin Hedwig Block hatte als Englischlehrerin noch die Ausreisewilligen durch ihre Sprachkenntnisse bei ihren Behördenkorrespondenzen unterstützt. Auch sie wurde nach Warschau deportiert. Auf dem Detmolder jüdischen Friedhof erinnert ein Gedenkstein an sie, und eine Straße in Detmold wurde ihr zu Ehren benannt. Paula Paradies hatte ein renommiertes Hutgeschäft betrieben und zuletzt als sog. Pensionsmutter jüdischen Schülerinnen wie Margot Rothenberg ein Zuhause geboten. Auch Heinz Rosenbaum aus Detmold, dessen Vater Walter Rosenbaum bereits 1938 im Lindenhaus gestorben war, gehörte zu den Schülerinnen und Schülern der jüdischen Schule in der Gartenstraße. Zusammen mit seiner Mutter Frieda wurde der fast Dreizehnjährige nach Warschau deportiert. Auch seine Schwester Inge wurde vermutlich zusammen mit ihrem dreijährigen Sohn Dan in das Ghetto verschleppt. Else und Hans Marx wurden zusammen mit ihrer Schwester und Schwager Babette und Otto Katz in ein Zimmer im Ghetto eingewiesen. Man möchte hoffen, dass es ein Trost für sie war, wenigstens zusammen zu sein. Doch Hans Marx wurde bereits im April 1942 nach Treblinka transportiert, wo er vermutlich beim Aufbau des Vernichtungslagers mit arbeiten musste. Else Marx erkrankte an Typhus und wurde zusammen mit ihrer Schwester Babette vermutlich 1943 in das Ghetto in Lublin transportiert. Keiner von ihnen überlebte. Auch Otto Katz wurde nach dem Krieg für tot erklärt.

„Hat denn niemand von den Detmoldern geschrieben?“

So fragte Erna Hamlet im Juni 1943 auf einer nur fragmentarisch lesbaren, aber immerhin erhaltenen Postkarte, die sie als Zwangsarbeiterin der Fa. Walter Többens aus dem Arbeitslager Poniatowa an Irene Hesse in Detmold schrieb und dringlich nach Päckchen fragte. Auch Erna Hamlet war nach Warschau deportiert worden und schrieb nun, dass sie täglich eine halbe Stunde Fußmarsch zum Werk absolvieren musste. Brombeeren und Heidelbeeren brächten eine gute Ernte. Über das Ende von Erna Hamlet ist nichts bekannt. Sie gilt als verschollen. Auf jener Postkarte erwähnte sie ihre Mutter Helene, von der sie nichts gehört habe und fragte, ob sie wohl noch „in Th.“ sei. Tatsächlich überlebte Helene Hamlet Theresienstadt und kehrte für einige Zeit nach Detmold zurück. In Detmold hatte Erna Hamlet als Stenotypistin für die Lippische Landeregierung gearbeitet, bis Joseph, später Jürgen Stroop im März 1933 für ihre sofortige Entlassung sorgte. 
Stroops steile Karriere hatte nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Detmold seinen Anfang genommen, als er zum Führer der Hilfspolizei des Landes Lippe ernannt worden war. Zahlreiche Beförderungen außerhalb Lippes brachten ihm den Rang des Generalmajors der Polizei ein. Von Heinrich Himmler wurde Stroop im April 1943 mit der Niederschlagung des Aufstandes im Warschauer Ghetto beauftragt. Unter schwierigsten und unvorstellbaren Bedingungen, halbverhungert und ihr Sterben vor Augen, hielten Ghettobewohner diesen Aufstand vier Wochen lang -  bis es am 24. Mai 1943 durch Stroop hieß: „Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr.“ Das Ghetto wurde dem Erdboden gleichgemacht. Die Menschen, die nicht den vorigen „Auskämmaktionen“ zum Opfer gefallen waren, wurden noch vor Ort oder in Treblinka ermordet. In Stroops Bericht wird von 56065 Menschen gesprochen, die ihm in die Hände fielen.



Über das Ende der Detmolder Opfer wissen wir wenig. Berichte über den katastrophalen Alltag im Warschauer Ghetto und zahlreiche Fotos von verhungernden und geschundenen Menschen auf den Straßen lassen erahnen, unter welchen Bedingungen sie um ihr Leben gebracht wurden.


Drei Monate nach der Deportation nach Warschau verließ im Sommer 1942 der nächste Transport Detmold. Das Ziel war Theresienstadt. Und nun standen auch Eduard Kauders und Moritz Herzberg mit ihren Familien auf der Liste.

Das Stadtarchiv plant NEU: Kennen Sie Temde?

In der Fabrik am Detmolder Bahnhof herrschte noch in den 1960er blühendes Leben mit mehreren Hundert Mitarbeitern. Hergestellt wurden Lampen. Das brummende Geschäft brach jedoch ein, als der Hersteller mit neuen Trends nicht Schritt hielt - 1986 meldete das Unternehmen den Konkurs. Einige Jahre lang produzierte noch eine Auffanggesellschaft. Auf Erfolgskurs kam Temde nicht mehr. Seit etwa 30 Jahren liegt das Areal brach.

Seit 2020 ist die Stadt Detmold Eigentümerin des Geländes. Im Folgejahr gab es eine erste Schadstoffsanierung und jüngst hat der Stadtrat den Weg frei gemacht, um das Gelände weiter zu entwickeln. In Zukunft sollen dort sowohl das Landes-, Kreis- und Stadtarchiv eine neue Heimat finden als auch innenstadtnaher Wohnraum geschaffen werden. Auch benachbarte Flächen sollen sich in Richtung Wohnbebauung weiterentwickeln können.

Der Vorentwurf des Bebauungsplanes wurde bereits öffentlich vorgestellt - dieser liegt noch bis einschließlich Freitag, 1. April im Ferdinand-Brune-Haus aus. Ferner ist das Ganze online verfügbar unter bauleitplanung-detmold.de . Bürgerinnen und Bürger haben in der Zeit der öffentlichen Auslage Gelegenheit, Eingaben zur Sache an die Stadt heranzutragen. Die Kolleginnen und Kollegen sind dazu per Mail (bauleitplanung@detmold.de), telefonisch (05231/977-417) oder persönlich (Ferdinand-Brune-Haus, Zimmer 111 und 121) für Sie erreichbar.

Zum Instagram-Beitrag der Stadt Detmold (incl. Video)

 

 

Buchvorstellung und Lesung

Stadtarchiv Detmold in Kooperation mit der VHS Detmold-Lemgo und dem Naturwissenschaftlichen und Historischen Verein Lippe

Joachim Radkau: Malwida von Meysenbug. Revolutionärin, Dichterin, Freundin. Eine Frau im 19. Jahrhundert

Moderation: Dr. Bärbel Sunderbrink, Stadtarchiv Detmold

Montag, 28. März 2022, 19 Uhr, Detmold, Aula in der Alten Schule am Wall, Zugang über den Haupteingang 

 

Malwida von Meysenbug (1816 – 1903) hätte das Leben einer Aristokratin führen können, aber die in Detmold aufgewachsene Intellektuelle ging ihren eigenen Weg. 1848 stand sie auf der Seite der Revolutionäre, später kämpfte sie für die Rechte der Frauen. Im Exil in London und Paris verkehrte sie in den wichtigsten künstlerischen und politischen Kreisen. Zurück in Deutschland wurde sie zur Vertrauten Wagners und Nietzsches, in Rom schließlich fand diese europäische Kosmopolitin ihre zweite Heimat. Ihre Memoiren einer Idealistin waren ein Bestseller, viele Frauen entdeckten darin die Möglichkeit, aus eigener Kraft ein erfülltes Leben zu führen.

Joachim Radkau, geboren 1943, lehrte als Professor bis 2009 Neuere Geschichte an der Universität Bielefeld. Er hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, die über die Geschichtswissenschaft hinaus große Beachtung fanden. Seine Biografie über Max Weber löste heftige Kontroversen aus.

Die Buchhandlung Kafka bietet einen Büchertisch an.

 

Montag, 28. März 2022, 19 Uhr, Detmold, Aula in der Alten Schule am Wall, Zugang über den Haupteingang  

Die Teilnahme an der Veranstaltung ist nach derzeit gültiger Coronaschutzverordnung nach der "3G"-Regel möglich. Teilnehmen kann, wer vollständig geimpft, getestet oder genesen ist. Als Testnachweis gilt ein zertifizierter Schnelltest (nicht älter als 24 Stunden) oder ein PCR-Test (nicht älter als 48 Stunden). Es gilt weiterhin eine Maskenpflicht.

Information: stadtarchivdetmold.LOESCHE_DIES.de

 

 

Internationalen Frauentag für Demokratie, Gleichberechtigung, Vielfalt und Solidarität

An das politische Wirken der vier „Mütter des Grundgesetzes“ erinnert anlässlich des Internationalen Frauentags ein Rundgang am Freitag, 11. März, 15 Uhr, in jenen Straßen, die erst seit Kurzem an die mutigen ersten Demokratinnen der Bundesrepublik erinnern. Stadtarchivarin Dr. Bärbel Sunderbrink stellt eine der Politikerinnen vor, die sich gegen viele Widerstände dafür einsetzten, dass die Gleichberechtigung von Frauen und Männern 1949 im Grundgesetz verankert wurde: Frieda Nadig. Sie engagierte sich als Sozialarbeiterin und Politikerin – auch in OWL. Und sie war eine von nur vier Frauen, die das Grundgesetz mit ausgearbeitet haben. Zum Programm des Internationalen Frauentag.

 

"Politik ist zu wichtig, um sie den Männern zu überlassen" - Die Mütter des Grundgesetzes Frauenpolitischer Rundgang in fünf Stationen

"Männer und Frauen sind gleichberechtigt". Dieser Satz im Grundgesetz war wegbereitend für alle späteren Errungenschaften in der Gleichstellung der Geschlechter. Zu verdanken haben wir diesen Satz vier Politikerinnen. Ihr Engagement zeigt, wie wichtig Frauen in der Politik sind.

Auf dem frauenpolitischer Rundgang in fünf Stationen begegnen wir den "Müttern des Grundgesetzes" - drei von ihnen wurden Wege in Detmold gewidmet.

Station 1: Frauen in der Kommunalpolitik
Akteurin: Regina Homeyer
Kommunalpolitik beeinflusst die Lebenssituation vor Ort ganz unmittelbar. Umso wichtiger ist es, dass Frauen in politischen Gremien mitwirken und ihre Erfahrungen, Kompetenzen und Sichtweisen einbringen. Aber: Frauen fehlen in der Politik und das muss sich ändern.

Station 2: Helene Weber - die Netzwerkerin
Akteurin: Katharina Ussling
"Die Frau muss in der Politik stehen und muss eine politische Verantwortung haben."

Station 3: Frieda Nadig - die Umsetzerin
Akteurin: Dr. Bärbel Sunderbrink
"Im parlamentarischen Rat ist die deutsche Frau zahlenmäßig viel zu gering vertreten. Das Grundgesetz muss aber den Willen der Staatsbürger, die überwiegend Frauen sind, widerspiegeln."

Station 4: Elisabeth Selbert - die Texterin
Akteurin: Susanne Schüring-Pook
"Ich bin Jurist und unparteiisch, und ich bin Frau und Mutter und zu frauenrechtlerischen Dingen gar nicht geeignet."

Station 5: Helene Wessel - die Unbequeme
Akteurin: Ina Paulfeuerborn
"Frauen müssen sich in die staatsbürgerlichen Aufgaben bewusst und freudig einmischen."

Veranstalterinnen:
Gleichstellungsstellen der Stadt Detmold und Lage, VHS Detmold-Lemgo, DGB-KFA Lippe, ver.di Regionsfrauengruppe Lippe, Kulturteam Stadt Detmold in Zusammenarbeit mit dem Offenen Forum Detmold

 

 

Das "neue" Bildarchiv

Ein Vorher-Nachher-Vergleich mit der Einladung zum stöbern unter www.bildarchiv-detmold.de

 

Eine beeindruckende Vielfalt des fotografischen Nachlasses im Detmolder Bildarchiv ist neu aufgearbeitet und lädt zum stöbern ein.

Der Wandel der Paulinenstraße, die Veränderungen am Hornschen Tor, die Straßenbahn im Rosental, Autos auf dem Marktplatz und in der Langen Straße. All diese Ansichten finden sich im Detmolder Bildarchiv unter www.bildarchiv-detmold.de Die Zeit der Pandemie und der Schließung wurde genutzt, um kistenweise Bilder durchzusehen, auszuwählen, einzuscannen und Beschreibungen dazu anzufertigen. Die Bilder enthalten jeweils eine Bildbeschreibung mit einer Jahreszahl oder zumindest einer ungefähren zeitlichen Einordnung.

„Ein umfassender Einblick in die Geschichte und die Entwicklung der Residenzstadt“, freut sich Stadtarchivarin Dr. Bärbel Sunderbrink.

Statt der vormals rund 2.500 Bilder sind mittlerweile mehr als 5.000 Fotos in der Datenbank zu sehen – und es kommen immer neue hinzu. Rund zwei Jahre lang dauert die Digitalisierungsarbeit bereits, die im Rahmen des Programms „Neustart Kultur“ mit 13.000 Euro vom Bund unterstützt worden ist. Dafür werden die Aufnahmen künftig für einen größeren Nutzerkreis einsehbar sein, weil sie über die Deutsche Digitale Bibliothek bundesweit abrufbar sind. Wer ein Foto nutzen wolle, könne eine Anfrage stellen. Abgerechnet werde anhand der Gebührenordnung.

„Ziel war es, den Bestand nutzbar zu machen – in einer Zeit, in der keiner ins Archiv gehen kann“, erklärt Sunderbrink. „Wir haben eine Verpflichtung, mit unserem Material auch rauszugehen. Bei den Menschen gibt es eine Erwartungshaltung, dass im Netz etwas verfügbar ist“, so Sunderbrink. Und immerhin handele es sich um öffentliches Eigentum, um das kulturelle Erbe der Stadt.

Das neue Datenmanagementsystem, das es dem Stadtarchiv ermöglicht, die Bilder zu speichern, zu verwalten und zugänglich zu machen, bringt neben einer moderneren Optik und der Kompatibilität für Tablets und Smartphones einen weiteren großen Vorteil für die Nutzer mit sich: Es gibt nun auch einen Suchschlitz, über den mit Hilfe von Schlagwörtern oder, falls zur Hand, der Bildsignatur gesucht werden kann. Parallel dazu besteht aber auch die alte Ordnerstruktur fort – unter anderem mit „Stadtansichten“ und „Straßen und Plätzen“, worunter es übrigens zusätzlich auch Informationen zu Straßennamen gibt.

Sollte ein Bild einmal falsch ausgezeichnet sein, freue sich das Stadtarchiv über einen entsprechenden Hinweis unter stadtarchiv@detmold.de. „Bei unserem Bildarchiv dreht es sich um ein Beteiligungsprojekt. Die Menschen sollten neugierig gemacht werden, das historische Detmold und die Stadtentwicklung zu entdecken, und darüber solle wiederum auch Identifikation geschaffen werden“, so Sunderbrink.

 

 

 

Koloniale Spuren in Detmold - ein Stadtrundgang

Dienstag, 05.04.2022 von 17:00 bis 18:30 Uhr

Die koloniale Vergangenheit Deutschlands ist ein historisches Thema, dessen Nachwirkungen erst in den letzten Jahren ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gedrungen ist, dies aber nun mit großer Aufmerksamkeit. Stadtarchivarin Dr. Bärbel Sunderbrink und die Kulturwissenschaftlerin Dr. Barbara Frey stellen auf dem Rundgang Stationen vor, die Detmolds Geschichte mit dieser Vergangenheit verbinden. Der Rundgang startet am Landestheater und führt entlang des Fürstlichen Residenzschlosses weiter zur Bruchstraße, wo sich bis in die 1950er Jahre einer der zahlreichen Kolonialwarenläden befand. In der Langen Straße wurde Tabak aus Kuba und Sumatra verarbeitet und in der Martin-Luther-Kirche erinnert eine Gedenktafel an einen Matrosen, der bei der Eroberung der ersten deutschen Kolonie sein Leben ließ. Weitere Stationen finden sich an der Hornschen Straße: Dort druckte die Firma Klingenberg exotische Werbebilder und die Lippische Landesbibliothek zeugt bis heute von dem ungeheuren Wohlstand, der im Kolonialhandel erworben werden konnte.

Informationen: Dr. Bärbel Sunderbrink, 0521/766-110 oder stadtarchiv@detmold.de

Anmeldung bei der VHS Detmold-Lemgo

Dienstag, 05.04.2022 von 17:00 bis 18:30 Uhr

Treffpunkt: Landestheater, Theaterplatz, Detmold


 

 

Tag der Archive am Sonntag, 6. März

Alle zwei Jahre richtet der Verband der deutschen Archivarinnen und Archivare einen „Tag der Archive“ aus, in diesem Jahr online. Archive bewahren Kulturgut. Akten, Fotos, Pläne, Plakate und vieles mehr werden dort gesichert.

Am Tag der Archive berichtet Dr. Bärbel Sunderbrink am Sonntag, 6. März, von 16 Uhr bis 16.30 Uhr online über „Neues Altes aus dem Detmolder Stadtarchiv“.

Die Stadtarchivarin gibt Einblicke in die beruflichen Herausforderungen der vergangenen zwei Corona-Jahre. Dass sich viele Menschen in ihre häusliche Umgebung zurückgezogen haben, machte sich auch im Archiv bemerkbar: Viele haben die Archivarin zum Umgang mit privaten Nachlässen befragt, viele haben dann Unterlagen ans Stadtarchiv weitergegeben, wo diese nun dauerhaft aufbewahrt werden.

Außerdem konnte das Archiv mit Unterstützung des Förderprogramms „Zielgerichtete Digitalisierungsförderung bei Kultureinrichtungen aus dem Netzwerk der Deutschen Digitalen Bibliothek“ die Digitalisierung des städtischen Fotobestandes voranbringen. Damit soll nach der Pandemie ein „Neustart Kultur“ befördert werden.

Einen Überblick über sämtliche Angebote der beteiligten lippischen Archive finden Sie im Flyer.

 

 

 

„Unerhörte Geschichte – Frei, aber verpönt“

Die Autorin Barbara Stellbrink-Kesy.

Vom Leben und Leid einer Frau aus Detmold, die Opfer der „Euthanasiepolitik“ der Nationalsozialisten wurde.

Der erste Stolperstein, der in Detmold an ein Opfer der NS-Gewaltherrschaft erinnert, ist Irmgard Heiss gewidmet. Sie wurde 1944 Opfer der NS-Euthanasiepolitik. Ihre Großnichte, Barbara Stellbrink-Kesy, hat die in der Familie lange verschwiegene Geschichte in einem Buch zusammengefasst.

Die Autorin Barbara Stellbrink-Kesy stellt am

Dienstag, 01.02.2022 um 19.30 Uhr im Vortragsraum der "Schule am Wall", Zugang über das Residenzhotel an der Paulinenstraße, statt. 

im Rahmen der Veranstaltungen zum Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus das Schicksal von Irmgard Heiss vor.

Eine Veranstaltung der Stadtbibliothek Detmold und des Stadtarchivs Detmold

Der Eintritt ist frei. Regeln G2

In ihrem Detmolder Elternhaus fand die Autorin ein Päckchen mit Dokumenten, versteckt in einem Schrank mit doppeltem Boden. Es enthielt Briefe ihrer Großtante Irmgard Heiss, geb. Stellbrink aus verschiedenen Heil- und Pflegeanstalten. Damit begann für die Autorin eine Reise in die Vergangenheit. Als Barbara Stellbrink-Kesy im Landesarchiv NRW auch noch die Krankenakte aus der Pflegeanstalt Lindenhaus einsehen konnte, gelang es ihr, aus vielen Puzzleteilen das Leben ihrer außergewöhnlichen Großtante zu rekonstruieren.

Irma Heiss war 18jährig nach Berlin gegangen, hatte früh geheiratet und war Mutter dreier Kinder geworden. Da sie kein normales „bürgerliches“ Leben führte, verlor sie den Rückhalt in der Familie. Sie verbrachte Jahre in Psychiatrischen Anstalten und starb 1944 an einer Lungentuberkulose, die Folge von unzureichender Ernährung und medizinischer Versorgung war.

Auch ihr Bruder, der stets zu ihr gehalten hatte, Pfarrer Karl Friedrich Stellbrink, überlebt die NS-Zeit nicht. Obwohl zunächst ein überzeugter Nationalsozialist, ging er in den Widerstand. Vom Volksgerichtshof verurteilt, wurde er 1943 hingerichtet. Er wird als „Märtyrer von Lübeck“ geehrt.

Die Moderation von Lesung und anschließendem Gespräch übernimmt Dr. Bärbel Sunderbrink.

 

 

 

27. Januar - Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus

Unter dem Titel "GeDENKeMAL - und wie gedenkst du?" richtet die Geschwister-Scholl-Gesamtschule die diesjährige zentrale Gedenkfeier zum 27. Januar aus. Pandemiebedingt findet die Gedenkfeier online statt. Der Livestream zur Gedenkfeier startet am

Donnerstag, 27. Januar 2022, um 09:45 Uhr

auf dem YouTube-Kanal der Geschwister-Scholl-Gesamtschule: Link zum YouTube-Kanal

 

Das Programm 2022 der Veranstaltungsreihe rund um den 27. Januar im Überblick: Stadt Detmold

Den für den 23. März 2022 angekündigten Vortrag im Rahmen der Veranstaltungen zum Tag der Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus:  „Vom kaisertreuen Bürgersohn zum Verwaltungsmassenmörder. Der Gauleiter und Reichsstatthalter Alfred Meyer und die Wannseekonferenz“ hat der Referent Dr. Heinz-Jürgen Priamus absagen müssen. Einen Ersatztermin kann er nicht anbieten und bittet um Verständnis.

Anschrift

Stadtarchiv Detmold
Willi-Hofmann-Straße 2
32756 Detmold
stadtarchivdetmold.LOESCHE_DIES.de
Empfang: Tel. 05231 / 766-0 

Öffnungszeiten des Lesesaals

Mo 8:00-19:00 Uhr
Di, Mi, Do 8:00-16:00 Uhr
Fr 8:00-13:00 Uhr

Bestellung von Archivalien aus den Magazinen

Mo, Di, Mi, Do
9:00, 10:00, 11:00,
12:00, 13:30, 14:30 Uhr

Fr 9:00, 10:00, 11:00,
11:30 Uhr

Beratung

Beratung nach vorheriger Terminabsprache möglich.   

 

Historisch

783: Der Name Detmold wurde als „Theotmalli“ zum ersten Mal in einem Bericht über eine Schlacht zwischen Franken und Sachsen erwähnt. Es handelt sich dabei allerdings nicht um die heutige Stadt Detmold. Das Detmolder Stadtgebiet wurde erst später besiedelt.

Ab 1194: Bau der Falkenburg als erster Sitz der Edelherren zur Lippe auf dem Territorium ihrer sich allmählich verfestigenden Landesherrschaft. Die Höhenburg im Ortsteil Berlebeck war bis zum Brand Mitte des 15. Jahrhunderts ein Zentrum der herrschaftlichen Macht.

Vermutlich verlieh Edelherr Bernhard III. zur Lippe vor 1265 der Siedlung an seiner an der Oberen Werre gelegenen Burg die Stadtrechte.

1305: Älteste erhaltene Urkunde aus Detmold, ausgestellt von den Bürgermeistern und der Bürgerschaft der Stadt „Detmelle“.

1447: Zerstörung Detmolds in der „Soester Fehde“ durch kölnische Truppen. Wenig später wurde die Burg zur stärksten Festung des Landes ausgebaut.

1528 erfolgte die Erhebung der Edelherren zur Lippe zu Grafen.

1538: Im Zuge der sich ausbreitenden Reformation wurden die lippischen Pfarrer in die Detmolder Kirche geladen, um sie in die Regeln des neuen Bekenntnisses einzuweisen.

1547: Dem großen Stadtbrand fielen etwa 70 Gebäude zum Opfer.

Um 1590 hatte Detmold etwa 700 Einwohner.

Zwischen 1653 und 1661 wurden in Detmold 19 Personen unter Verdacht auf Hexerei zum Tod verurteilt.

1605 führte der Calvinist Graf Simon VI. das reformierte Bekenntnis ein.

1789: Die Grafen zur Lippe wurden vom Kaiser zu Fürsten erhoben.

Um 1835 lebten etwa 4000 Menschen in der Stadt Detmold.

Während der Revolution von 1848 forderten Bürger vor dem Schloss demokratische Rechte.

1875: Kaiser Wilhelm I. weihte das Hermannsdenkmal ein. Es soll an die siegreiche Schlacht der einheimischen Cherusker gegen römische Legionen erinnern. Bereits 1838 war der Grundstein für das Denkmal gelegt worden.

1880: Mit der Eröffnung der Strecke nach Herford erhielt Detmold Anschluss an das Eisenbahnnetz. 1895 wurde die Bahnstrecke nach Altenbeken verlängert.

1917 starben 72 Menschen, zumeist jugendliche Arbeiterinnen, bei einem Explosionsunglück in einer Munitionsfabrik, die Rüstungsgüter für den Ersten Weltkrieg herstellte.

Zwischen der Jahrhundertwende und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs verdoppelte sich die Einwohnerzahl der Kernstadt von 12.000 auf fast 23.000.

1938 zerstörten Nationalsozialisten die Synagoge. In der Zeit des NS-Regimes wurden mehr als 160 Menschen aus Detmold aus rassischen, religiösen und politischen Gründen ermordet, viele weitere wurden verfolgt.

Als Anfang April 1945 amerikanische Truppen die Stadt einnahmen, endete für Detmold der Zweite Weltkrieg. Wenige Wochen später folgte die britische Rheinarmee als Besatzungsmacht.

1947: Lippe schloss sich nach erfolgreichen Verhandlungen als dritter Landesteil Nordrhein-Westfalen an. Die Stadt wurde Sitz der Bezirksregierung Detmold.

1966: Eröffnung des LWL-Freilichtmuseums auf dem Gelände des ehemaligen fürstlichen Tiergartens.

1970: Bei der Kommunalen Neugliederung schlossen sich 25 Gemeinden mit der Stadt Detmold zusammen. Die Bevölkerungszahl wuchs von 30.000 auf 63.000 an.

1995: Beginn des Abzugs der britischen NATO-Streitkräfte.

2009: Die Ausstellung „Mythos“ klärte 1000 Jahre nach dem Kampfgeschehen über den historischen Hintergrund der Varusschlacht auf.